Heidi Hahn

Die optische Interpretation des 1955 von Pete Seeger geschriebenen Antikriegsliedes Where have all the Flowers gone, dessen deutsche Variante am eindrücklichsten von Marlene Dietrich interpretiert wurde, gestaltet Heidi Hahn komplexer: Die quasi lineare Partitur wird in einer quadratischen Spirale von außen nach innen aufgerollt, unter die blumenleeren grauen, schwarzen und weißen Rechtecke mischen sich blaue, rote und grüne Pausen. (rot: eine achtel, grün: eine viertel, blau: eine ganze Pause).

Eine weitere Gruppe stellen im Werk der Künstlerin nahezu weiße Bilder dar, z.B. Die 5., I und II, Bruckners 5. Symphonie. Die sehr komplexe Aufgabe, das monumentale Werk des Komponisten in die Fläche zu bringen, löst die Künstlerin so, dass sie der Betrachterin/ dem Betrachter zuerst einmal den Zugang erleichtert, indem sie die tatsächlichen Noten auf den rechten Rand der Leinwand druckt. Die kurzen Graphit-Striche orientieren sich an den Noten auf der Seite - die langen Striche entsprechen dem Rhythmus der Künstlerin. Als Weiterentwicklung dieser Technik hin zum Minimalistischen lässt Heidi Hahn in weiteren Werken die Graphitstriche weg und erzielt eine Struktur nur durch die Abdeckung einzelner Partien, wodurch Farbgrate in Weiß entstehen.

Mit Mozarts Zauberflöte setzt sich Heidi Hahn in den beiden Arbeiten …in diesen heiligen Hallen und Der Hölle Rache (2012) auseinander. Der inhaltlichen Gegensätzlichkeit der rachefreien Hallen Sarastros und der Hölle der Königin der Nacht entsprechen auf den gleichwertig weiß scheinenden Bildern die zarten Abgrenzungen der Noten: blaue, senkrechte Striche bei den heiligen Hallen, waagrechte, rote beim Rachebild. Erst auf den zweiten Blick erkennbar ist die subtile kleine Unstimmigkeit zwischen senkrechten Abgrenzungen im scheinbar friedlichen Bild der heiligen Hallen, die ja durchaus etwas radikal Unterbrechendes haben, und den waagrechten Abgrenzungen im Rachebild, die für Austausch und Kommunikation auf gleicher Ebene stehen könnten. Das erklärt die Künstlerin selbst so:

„Man ist geneigt, Sarastro mit seinem sonoren Bass als Sympathieträger zu sehen, was dazu führt, dass man sein Handeln nicht hinterfragt. Hingegen die Königin der Nacht mit dem hohen Sopran und den Rachegelüsten zerrt an den Nerven. Nur, warum kocht die Rache: Sarastro hat ihre Tochter entführt. Dass die Königin der Nacht außer sich ist, scheint mir verständlich.

Hinter die Dinge zu blicken kann oft neue Sichten, heimliche Ordnungen, verborgene Strukturen aufzeigen und Schönheit hervorbringen. “

Dr. Katharina Seidl

Kunsthistorikerin

Kuratorin Schloss Ambras, Innsbruck

Ausstellung Galerie oökunstverein, Linz, 2015